Tiefenpsychologische Sicht auf Sucht

In der Filmreihe „Kopfkino“ steht am 30. Januar im Potsdamer Programmkino Thalia der Film The Outrun im Fokus, der das Entstehen und die Folgen von Alkoholsucht thematisiert. Prof. Dr. Carina Remmers, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der HMU und Initiatorin der Filmreihe, wirft vorab einen psychodynamischen Blick auf Sucht und deren Entstehung.

Prof. Dr. Carina Remmers ist Expertin für Klinische Psychologie und Psychotherapie mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt an der HMU (Foto: HMU)

Frau Prof. Remmers, Sucht gilt offiziell erst seit den späten 60er Jahren als Krankheit. Was ist Sucht und wie entsteht eine Suchterkrankung?

International gültige Diagnosemanuale beschreiben Sucht- bzw. Abhängigkeitserkrankungen als Folge des Konsums von Substanzen wie z.B. Alkohol. Nach diesen Modellen ist ein Kennzeichen der Sucht, dass sich über die Zeit des Konsums eine Toleranz gegenüber dem Wirkstoff entwickelt und Entzugserscheinungen sowie Kontrollverlust auftreten. Es besteht ein starkes Craving, also ein Verlangen nach der Substanz, und der wiederholte Konsum erfährt eine Priorisierung, obwohl andere Dinge wichtiger wären. Neben der Abhängigkeit von Substanzen wird die Glücksspielsucht definiert, die Sucht in Bezug auf Pornografie, und so weiter. Leider beinhalten die Suchtdefinitionen der offiziellen Manuale wie dem ICD nicht den individuellen Leidensdruck, obwohl dieser bei den meisten anderen psychischen Störungen ein zentrales Kriterium ist. Eine Erklärung, warum manche Menschen süchtig werden und andere nicht, liefern sie auch nicht.

Welche Rolle spielt der Leidensdruck aus psychodynamischer Sicht?

Aus einer psychodynamischen Perspektive leiden die Betroffenen Personen schon, bevor die Suchtsymptomatik auftritt. Wir sprechen hier von einer Initialverstimmung, die mit einem tief empfundenen Gefühl von Leere, Ohnmacht und Traurigkeit assoziiert ist. Es besteht die Unfähigkeit, Unlust zu ertragen und sich vor Reizen im Inneren und in der Außenwelt zu schützen. Die Ursachen liegen aus psychodynamischer Perspektive in der frühen Kindheit, einer Zeit, in der wir Menschen sehr stark auf die Beziehung zu anderen wichtigen Bezugspersonen angewiesen sind. In dieser Zeit entwickelt sich das Selbst mit all seinen Facetten und Fähigkeiten.

Warum greifen Menschen, die einen solchen Leidensdruck womöglich schon viele Jahre verspüren, irgendwann zu einem Suchtmittel?

Aus psychodynamischer Sicht hat die Sucht eine psychische Funktion – einen Sinn.  Es geht darum, durch das Suchtmittel einen inneren Zustand zu verändern und zu regulieren. Die Sucht fungiert in dem Sinne als Abwehr. Verschiedene Suchtmittel führen zu unterschiedlichen Zuständen, beispielsweise zu einem Gefühl von Geborgenheit, zu erhöhter Aktivität oder unbändiger Kreativität, häufig auch zu einem Gefühl, eins zu sein mit sich und der Welt. Der Rausch ist an sich nichts Schlechtes – im Gegenteil. Sogar Tiere suchen aktiv Rauschmittel auf.  Aber es kommen unter dem Einfluss des Suchtmittels häufig auch destruktive Selbstanteile zum Ausdruck – und die Verantwortung für diese Anteile wird dann häufig auf das Suchtmittel verschoben. Eine typische Reaktion ist dann: Ich war das nicht, es war der Alkohol.

Viele von uns suchen hin und wieder den Rausch und wollen damit den inneren Zustand verändern. Was ist bei Menschen mit einer Suchterkrankung anders?

Bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung verschleiert das Suchtmittel eine eigentlich zwischenmenschliche Abhängigkeit. Aus psychodynamischer Sicht überlässt sich jemand, der süchtig ist, passiv einem leblosen Objekt. Er oder sie macht sich damit von zwischenmenschlichen Beziehungen unabhängig, zu dem Preis, dass er dann auf das Suchtmittel angewiesen ist. Im Grunde ist die Abhängigkeit also ein ursprünglich zwischenmenschliches Angewiesensein. Viele Patient:innen hatten in der frühen Kindheit keine verlässliche Bezugsperson, die ihnen dabei geholfen hat, ihre Gefühle einzuordnen und zu regulieren und ein positives Bild von sich selbst und anderen zu entwickeln. Das Suchtmittel ist ein Ersatzobjekt, ein Kompromiss.

Dann geht es also um das Fehlen von Beziehungen?

So ist es. Wer in der frühen Kindheit unzureichend positive Beziehungserfahrungen auch im Hinblick auf den eigenen Wert gemacht hat und unzureichend in seinen affektiven Zuständen ko-reguliert wurde, kann tiefe Selbstzweifel und eine abhängige Persönlichkeitsstruktur entwickeln. Indem Süchtige sich von etwas Leblosem abhängig machen, flüchten sie in eine Pseudo-Autonomie – an einen beruhigenden, sicheren Ort. Aber sobald die Wirkung des Suchtmittels nachlässt, spüren sie wieder etwas, das sie eigentlich vermeiden wollten und der Druck steigt, das Suchtmittel wieder zu konsumieren. Das zeigt auch der Film „The Outrun“ sehr eindrücklich. Unser Ziel in der Therapie ist, Patient:innen zu ermöglichen, neue positive Beziehungserfahrungen zu machen und Entwicklungsschritte in der Regulation von inneren Zuständen nachzuholen.

Wie schaffen Sie das?

Wir arbeiten nicht nur an den oberflächlichen Symptomen der Sucht, sondern versuchen vor allem auch an die vermuteten Ursachen zu kommen. Diese sind aus psychodynamischer Sicht häufig unbewusst und verborgen. Dabei steht im Fokus, erst einmal genau zu verstehen, welche Funktion das Suchtmittel beim jeweiligen Betroffenen hat.

Vielen Dank für diese Einblicke, Frau Prof. Remmers.

Informationen zur Filmreihe „Kopfkino“ und zu den noch anstehenden Filmen gibt es hier.

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